Mit Spickmappe in die schriftliche Arbeit

Da zeitgemäßer Unterricht und schriftliche Arbeiten aus meiner Sicht nicht zusammenpassen, suche ich immer wieder nach Lösungen, die Arbeiten auf andere Weise als bisher zu organisieren. Glücklicherweise lässt mir der entsprechende Erlass hier in Niedersachsen einigen Spielraum. Im Kern ist die Arbeit lediglich von allen Schülern gleichzeitig und unter gleichen Bedingungen zu schreiben.

Nachdem ich beim letzten Mal das Experiment unternommen habe, die Arbeit mit den Schülern gemeinsam zu erstellen, bin ich dieses Mal den umgekehrten Weg gegangen: Die Schüler durften während der Arbeit ihre Mappe verwenden.

Ich habe dazu eine Lerntheke in Form einer Mappe entwickelt und den Schülern jeweils ein persönliches Exemplar übergeben. Ihre Aufgabe war es nun, die darin enthaltenen Lektionen zu bearbeiten und ihre Ergebnisse ordentlich abzuheften.

Entlang dieser Lektionen und meiner Beobachtungen im Unterricht habe ich dann die schriftliche Arbeit entwickelt. Den Schülern war von Beginn an klar, dass sie in der Arbeit ihre Mappe als Hilfsmittel benutzen dürfen.

Der Gedanke dabei war, dass einem im realen Leben vor der Bewältigung einer Aufgabe oder eines Projekts ja auch nicht alle Hilfsmittel entzogen werden. Soll ich einen Vortrag halten, nimmt mir niemand davor meine Unterlagen weg, auch das Meisterstück im Handwerk wird nicht ohne das Werkzeug der Ausbildung geschaffen.

Im Großen und Ganzen ist das Experiment geglückt; die meisten der Schüler würden es auch gerne wiederholen und nennen im anschließenden Feedback überwiegend positive Aspekte.

Offenbar hat es ihnen auch tatsächlich geholfen, die Mappe in der Arbeit verwenden zu dürfen, ohne dass die Arbeit zu leicht gewesen wäre.

Allerdings habe ich einen unglaublichen Anfängerfehler begangen: Ich habe mich auf die Mappe so sehr verlassen, dass ich eine Besprechung und einen Vergleich der Ergebnisse mit der gesamten Lerngruppe vernachlässigt habe.

Dies passt auch zu der etwas weniger positiven Einschätzung der Schüler, wie gut sie sich vorbereitet gefühlt haben:

Da ich aber dem Wunsch der Lerngruppe entsprechend auch für unser nächstes Thema eine solche Lernmappe entwickle, habe ich die Gelegenheit, diesen Fehler durch integrierte Lösungsbögen zur Selbstkontrolle (es leben QR-Codes und die  Vocal Recall-App) und die Einführung kurzer „Stand-Ups“ zu jedem Stundenbeginn dieses Mal zu vermeiden.

Sollte sich eine Wiederholung mit diesmal verbesserter Vorbereitung erneut als erfolgreich erweisen, probiere ich diese Vorgehensweise vielleicht einmal mit einer größeren Lerngruppe aus.
Ich kann mir nämlich auch gut vorstellen, die Ergebnisse eines Projektes oder ein Arbeitsportfolio auf diese Weise gewinnbringend zu nutzen. Damit verlieren schriftliche Arbeiten dann vielleicht immer mehr von ihrem „Gipfel-Charakter“ als alleiniges Ziel einer ganzen Unterrichtseinheit.

 

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  1. Eindrücklich! Scheint mir – aus eigener ähnlicher Erfahrung – ein passender Weg zu sein. Wichtig dabei: Du nimmst die Schülerinnen und Schüler ernst und die Schule als Ort der *sinnvollen* Vorbereitung aufs Leben erst recht.

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