Instant-Unterricht

Vor ein paar Tagen beschwerte sich ein junger Kollege, mit dem ich parallel arbeite und Unterricht vorbereite, bei mir, dass ich seine Stunden ja gar nicht so halten würde, wie er sie vorbereitet hätte. Ich sei wohl an echter Zusammenarbeit nicht mehr interessiert, war sein Fazit.

Okay, letzteres hake ich ab, weil nur eine Reaktion auf meine Beschwerde dezente Kritik, dass Sonntagabend vom zugesagten Material für die Stunden am Montag noch nichts zu sehen war.
Gestaunt habe ich aber über den etwas beleidigt klingenden Vorwurf, dass ich die vorbereiteten Stunden nicht 1:1 übernehmen würde.

Eine absolut nicht repräsentative Umfrage unter einigen Kollegen ergab dann, dass offenbar in vielen Teams (also Lehrkräfte, die Klassen des gleichen Jahrgangs im gleichen Fach unterrichten) die Vorbereitung in wiederkehrender Reihenfolge aufgeteilt wird und man damit im besten Fall bloß alle drei, vier Wochen einmal Unterricht für eine Woche vorbereiten muss.

Ich frage mich jetzt, wie ich mir das vorzustellen habe: Dem Material aus dem Fundus ein wenig Lerngruppe hinzugeben und im Klassenraum 45 oder 90 Minuten kräftig verrühren bis eine schlaue Masse entsteht?
Oder sind es doch nur die Grundzutaten, aus denen unter Zugabe eigener Würzung und einer Prise Originalität eine auf die Lerngruppe abgeschmeckte Geistes-Nahrung angerichtet wird?

Meine Hoffnung ist, dass das solcherart vorbereitete und ausgetauschte Material von den Kollegen als Anregung genommen und dann aufbereitet und an die eigene Situation und Lerngruppe angepasst wird.
Meine Befürchtung ist aber die eines Instant-Unterrichts.

Nicht missverstehen: Ich halte es keineswegs für erstrebenswert, jede einzelne Stunde neu zu erfinden und niemals ein Arbeitsblatt ein zweites Mal zu verwenden. Auch das Schulbuch und Kopiervorlagen der Lehrverlage halte ich nicht für verdammenswert.

Aber jedes in einer Stunde eingesetzte Material sollte reflektiert und auf seine Eignung für eben genau die gegebene Kombination aus Lehrkraft, Lerngruppe und Situation überprüft werden. Was in der einen Klasse im Sommer hervorragend geklappt hat, kann im Winter in einer anderen Klasse zu vollkommen unbefriedigenden Ergebnissen führen. Wer jemals versucht hat, Lyrik ohne Rücksicht auf das Alter der Schüler oder die Jahreszeit zu behandeln, hat einen Eindruck davon, was ich meine.

Und auch ich als Lehrer möchte doch für das brennen, was ich den Schülern als Angebot bereite und voll und ganz hinter dem stehen, was ich in ihre Hände und Köpfe gebe. Und ja, das lasse ich mir ein wenig Zeit am Nachmittag und Wochenende kosten.

Vielleicht muss dann eine Aufgabenstellung verändert, ein anderes Bild gefunden oder das ganze verdammte Blatt neu gestaltet werden – wenn wir einfach nur die fertigen Arbeitsblätter kopieren und unter die Leute bringen, sehe ich zur eigentlich überholten Vorstellung des Nürnberger Trichters keinen so großen Abstand. Zumindest liegt dieser Art der Unterrichtsvorbereitung das Bild eines Schüler-Lern-Automaten zugrunde, das nichts mit agilen Methoden oder zeitgemäßem Unterricht zu tun hat.

Ich werde jedenfalls jetzt mein immer gern geteiltes Material mit einem neuen Lizenzhinweis versehen: „Zur Nutzung nur nach mindestens einer Veränderung/Verbesserung für die eigene Klasse freigegeben“.

 

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Klug gedacht

  1. Das… klingt fremd. Den Gedanken, Material einfach so zu übernehmen, hätte ich nicht mal unseren Mathelehrern zugetraut, und denen traue ich das noch am ehesten zu.
    Das gilt ebenso für Selbstlernkurse am Rechner, aber von denen höre ich eh immer weniger, sind gerade nicht zeitgemäß.

    • Arne.Paulsen

      Hier ist’s auch Englisch. Liegt aber auch am Lehrwerk, glaube ich. Das scheint man Unit für Unit abzuarbeiten, wenn man mit SB arbeitet.

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