Jahrgangsübergreifend unterrichten

Seit diesem Schuljahr habe ich zum ersten Mal eine jahrgangsübergreifende Lerngruppe aus 9.- und 10.-Klässlern im Profilfach Wirtschaft.
Hätte ich mir jetzt so nicht ausgesucht, aber ein eigener Kurs für die Neuntklässler wäre aufgrund zu geringer Anwahl nicht zustande gekommen.

Für meine schnelle Zusage gegenüber der Schulleitung („Kein Problem, dann nehme ich halt beide Kurse zusammen.“) habe ich mich allerdings schon in den Sommerferien geohrfeigt – ein paar Probleme gibt es dabei nämlich doch.

Das Profilfach Wirtschaft ist ebenso wie das reguläre Fach spiral-curricular aufgebaut. Die Themenfelder wiederholen sich, das inhaltliche Niveau und der Kompetenzaufbau steigern sich dabei.
Zwischen der 9. und 10. Klasse liegen also keine Welten in Form ganz anderer Unterrichtseinheiten, aber viel helfen tut das auch nicht.
Die erste Schwierigkeit besteht nämlich darin, dass ich verhindern muss, dass die jetzigen Neuntklässler im kommenden Schuljahr dasselbe noch einmal machen. Da ich mich aber in den gleichen Themenfeldern befinde, müssen die Aufgaben und Feininhalte den Unterschied machen.

Daraus ergibt sich gleich die nächste Herausforderung: Unterrichtsgespräche. Ausgehend von unterschiedlichen Inhalten können die Schüler des gemischten Kurses nur schlecht miteinander diskutieren. In einigen Momenten ist es mir gelungen, ein Gespräch so zu moderieren, dass die Neuntklässler das Basiswissen beitrugen, was gleichzeitig Stoff-Wiederholung für die Zehntklässler war, die dann daran anschließend weiterdiskutieren konnten. Allzu oft sind dann aber im zweiten Teil die Neuntklässler verständlicherweise ausgestiegen. Im Ergebnis handhabe ich es jetzt so wie in anderen fachleistungsdifferenzierten Kursen auch manchmal: Die einen bekommen eine gesonderte Aufgabe in einem anderen Raum, während die anderen über ihre Inhalte vertiefend sprechen. Unterm Strich führt diese Schwierigkeit aber doch zu einer Verringerung der Unterrichtsgespräche insgesamt.

Die dritte Schwierigkeit sind Klassenarbeiten. Im Profilunterricht sind vier Arbeiten im Schuljahr zu schreiben, also ergeben sich – so wie ich es handhabe – vier Vorbereitungsstunden und  Nachbesprechungen.
Da es sich aber logischerweise in Aufgaben, Umfang und Anspruch um zwei unterschiedliche Arbeiten handelt, kommen wir auch hier wieder ins Stolpern.
Während in der gemeinsamen Vorbereitungsstunde noch beide Jahrgänge davon profitieren, zwischenzeitlich einfach nur mal den anderen zuzuhören (die einen vertiefen so ihr Grundwissen, die anderen erweitern ihren Horizont im gleichen Themenfeld), ist die Nachbesprechung wieder nur getrennt möglich.

Mein momentaner Lösungsansatz ist eine Öffnung des Unterrichts, die ich mir ja ohnehin wünsche.
Im Zusammenhang mit einem Versuch, auch mit den schriftlichen Arbeiten anders umzugehen, habe ich im ersten Halbjahr gute Erfahrungen mit jahrgangs-differenzierten Lernmappen gemacht. (Hier ein Beispiel)
Auf diese Weise kann ich in einer Mappe zum gleichen Thema ganz unterschiedliche Aufgaben unterbringen. Manche Lektionen sind grundsätzlich nach Jahrgängen geteilt, in anderen gibt es vielleicht nur quantitativ und qualitativ differenzierende Aufgaben.

Eine wirkliche Öffnung des Unterrichts ist dies aber noch nicht – statt Lehrer-zentriert ist er nun bloß Mappen-zentriert und bleibt immer noch recht behaviouristisch. Mich stört immer noch das klassisch-schulische Korsett Aufgabe – Lösung / Frage – Antwort.

Nach dem zweiten Durchgang mit der Lernmappe will ich nun versuchen, projektorientiert zu arbeiten. Während ich dies aber in normalen Lerngruppen weniger riskant finde, mache ich mir im Profil wiederum Gedanken, wie ich verhindere, dass die Neuntklässler ihre Lernprodukte und damit ihre Lernwege im nächsten Schuljahr einfach wiederholen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist damit der Profil-Unterricht in zwei Jahrgängen ein Experiment. In der Nische dieses Faches wage ich es, da ich immer noch sicherstellen kann (oder glaube, sicherstellen zu können), dass die Schülerinnen und Schüler die notwendigen Inhalte und Kompetenzen, die sie für die weiterführenden Schulen benötigen, mit auf den Weg bekommen. Außerdem ist der Kurs mit 15 Teilnehmern überschaubar, da geht manches dieser Art leichter.

 

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  1. Sehr interessant, weil wir an der gleichen Stelle stehen. Mir gefällt das berichtete gar nicht. Wenn die Profile irgendwie so etwas wie ein Leistungskurs der OBS sein sollen, dann gehen sie so vor die Hunde. Dann sind sie eben klein, umso besser. Wenn sie wirklich ZU klein sind, dann würde ich eher auf einen der 4 Profilkurse verzichten – auch wenn es dann einzelne Schüler hart trifft. Wenn man eigentlich Technik machen möchte, dann wird man sicher in GuS nicht glücklich.
    Hach, ist das schrecklich.

    • Arne.Paulsen

      Das Problem mit dem Streichen ist nur, dass die Profile ja für einen Doppeljahrgang gewählt werden. Also dieses Jahr streichen, nächstes Jahr stattfinden lassen, geht irgendwie auch nicht. Dann haben entweder einzelne SuS das Nachsehen oder vom Leistungskurs bleibt auch nicht viel über.
      Wobei ich dem Ansatz Profil als Leistungskurs auch nicht ganz folge. Und wenn doch, bezweifle ich, ob er aus diesem Grund „vor die Hunde“ geht. Der Lernerfolg hängt für mich eher von Motivation und Engagement der Beteiligten ab, als von der äußeren Organisation.

      • nee, wenn er schon ein Doppeljahrgang ist, dann geht das Knicken nicht mehr, das ist klar.
        Profil = Leistungskurs: Es kommen ja nur die Cracks mit 2 E-Kursen überhaupt in den Genuss einen solchen wählen zu dürfen. Die anderen haben WPK und Förderunterricht. Ich habe das Technik-Profil und da geht es auch ganz schön zur Sache. Aber auch mit tollen neuen Materialien, das ist schon echte Berufsbildung. Für einen Doppeljahrgang habe ich da keine rechte Idee. Außer, man startet die 4 Quartale versetzt. Wer dann nach 9 abgeht hat dann unter Umständen das Curriculum von 10 gemacht, auch nicht prickelnd…

        • Arne.Paulsen

          Aus meiner Sicht ist der Erlass hier ohnehin nicht sauber umzusetzen. Mir hat noch niemand beantworten können, wie mit Franzosen umzugehen ist, die zwei Hauptfach-G-Kurse haben.
          Damit geht die Rechnung Profil = 2x E-Kurs schon mal nicht immer auf.
          Es ist, wie schon einmal woanders von uns festgestellt: Jede Schule wurschtelt sich mit ihren jeweiligen Ressourcen und Modellen bestmöglich durch. Seien wir froh, dass wir überhaupt mehr als ein, zwei Profile anbieten können.

  2. Mappen-zentrierter Unterricht muss aber nicht behavioristisch sein. Diese Beispielmappe ist halt sehr kleinschrittig mit sehr geschlossenen Aufgaben, aber das ist für mich kein grundsätzliches Mappen-/Portfolioproblem. Und für den Behaviorismus fehlt mir das Belohnungssystem – wenn es bei der Mappe Abzeichen gäbe wie beim Computerspiel, dann vielleicht.
    — Ich ordne Wirtschaft mal in die klassischen Lernfächer ein, vielleicht zu unrecht, und bei denen kenne ich mich nicht aus. Deutsch/Englisch/Informatik ist eher: Hier habt ihr was, macht was Schönes damit (statt Frage-Antwort).

    • Arne.Paulsen

      Ja, die geschlossenen Aufgaben sind ein wenig dem Experiment mit der schriftlichen Arbeit geschuldet. Das war mir Versuch genug, daher die recht kleinschrittige Mappe. Sind halt auch Schüler, die 9, 10 Jahre solche Experimente nicht (zumindest wohl nur selten) erlebt haben.
      Ich denke, die einfachen schulischen positiven (und negativen) Verstärker der operanten Konditionierung sind in dieser Form schon gegeben, vielleicht nur nicht bei jeder Aufgabe in Form von Badges und dergleichen. Aber Lehrerlob oder eine gelungene Arbeit zählen ja auch dazu.

      Ich glaube übrigens, „Hier habt ihr was, macht was Schönes daraus!“ geht in jedem Fach. Hat nicht überall die gleiche Tradition, aber was nicht ist …

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