Es ist durchaus schon häufiger vorgekommen, dass ich den Nutzen meines Twitter-Accounts in Frage gestellt habe. (Tatsächlich war ich vor zwei Jahren schon einmal dabei und war nach einer Weile so genervt, dass ich meinen Account wieder gelöscht habe.)

Nachdem in diesen Tagen einige von mir gern gelesene Personen das #Twitterlehrerzimmer verlassen haben, war das mal wieder Anlass, über den Sinn von Twitter für mich persönlich nachzudenken.

Tatsache ist, dass mich manches im Twitterlehrerzimmer ebenso nervt wie im echten. Wir sind eben da wie dort Lehrer. 😉

Wie im echten Leben gibt es auch online viele Leute, mit denen ein echter Diskurs nicht möglich ist, da nicht Erkenntnis, sondern Recht zu haben, im Vordergrund steht.
Nicht von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, ist ja eh schon hinderlich, gänzlich unmöglich machen aber auch die jeweils maximal 280 Zeichen eine gute Diskussion.
Falle ich trotzdem immer wieder drauf rein (inklusive Besserwissereien auch von mir 😳), arbeite aber dran.

Auch die meinungsführenden Platzhirsche gibt es natürlich, hier allerdings helfen Entfolgen und Stummschalten. (Ein echter Vorteil des Online-Lehrerzimmers!)

In manchen Momenten wirken diese negativen Aspekte so groß und schwerwiegend, dass ich denke: „Lösch doch deinen dämlichen Account einfach und genieße die Ruhe und mehr Zeit mit der Familie. Zwingt dich doch keiner!“

Aber ich bin ja nicht ohne Grund vor einem Jahr doch wieder zu Twitter zurückgekehrt.
Wenn sich der Staub wieder gelegt hat, wird der Blick frei für einen aus meiner Sicht unermesslichen – und allen Ärger aufwiegenden – Pluspunkt von Twitter: Inspiration.

So habe ich zum Beispiel bei Kate Jones (@87history) eine Matrix für die Stundenreflexion mit meinen Klassen gefunden:

Bei @frausonnig habe ich mir Anregungen zur Verwendung von VocalRecall1 geholt:

Die Mikro-Fortbildungen, wie sie z.B. Tobias Raue organisiert, versuche ich (zugegeben: noch mit wenig Erfolg) auch in meiner Schule:

Bei @JStanggassinger habe ich den Schulmanager gefunden und erleichtere den Kollegen und mir jetzt Schülerwahlen und Elternsprechtage:

Björn Nölte (@Noelte030) verdanke ich die Arbeit mit GoFormative und manche Anregung über Self- und Formative Assessment:

Und dies sind nur ein paar konkret-praktische Beispiele; ich verfolge auch interessiert die Blogparaden der @Bildungspunks, lese gerne die Gedanken von @phwampfler zu Social Media mit, folge dem manchmal kontroversen Austausch zur Bildung im digitalen Wandel und pflücke nebenbei jede Anregung, die mir am Wegesrand begegnet.

Blicke ich auf mein letztes Twitterjahr zurück, haben vielfältige Ideen von dort ihren Weg in meinen Unterricht gefunden. Manches ist geblieben, manches ist über das experimentelle Stadium nicht hinausgekommen.

Insgesamt ist Twitter für mich eine Fundgrube, wie sie Lehrer-Blogs in der Form trotz RSS-Feeds nie geworden sind. Die Vernetzung ist größer und viele kleine Tipps oder Gedanken werden noch zu einem Tweet, wenn sie für einen ganzen Blogbeitrag nicht groß genug sind.2

Letztendlich muss ein jeder selber sehen, ob er sich auf Twitter wohlfühlt, ein wenig Affinität für Digitales und Offenheit für soziale Medien sind sicher nötig. Aber selbst, wenn man sich aus allen Diskussionen heraushält und im Twitterlehrerzimmer nur mitliest, würde ich wetten, dass schon nach kurzer Zeit eine Perle für den eigenen Unterricht dabei abfällt.


Nachtrag 1: @mccab99, der Twitter (vorübergehend?) verlassen hat, schreibt darüber – in gewohnt präziser Weise – hier.

Nachtrag 2: @blume_bob ist inzwischen zurück. Einer seiner Tweets dazu passt gut zu meinen Gedanken:

Nachtrag 3: Auf die Sache mit der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ bin ich noch gar nicht eingegangen. Wäre mal einen eigenen Beitrag wert – zu so viel Selbstkritik bin ich gerade nicht bereit.

Nachtrag 4: Auch aus dem Twitterlehrerzimmer stammt die Anregung von @lbrechthermanns, dieses Schaubild „Twitter für Lehrende“ einzufügen:

Originalquelle: Debbie McHorney, Übersetzung: Bildungpunks, Zeichnung von Marc Albrecht, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

  1. Die App ist wegen eines Streits der Entwickler eingestellt, die Idee aber sicher nicht tot.
  2. Wenn ich allerdings vertiefende Informationen oder ausgebreitete Gedanken zu einer Sache suche, hoffe ich auf einen Blogpost und dessen Kommentare, hier bleibt Twitter mir wiederum zu schnelllebig und oberflächlich.